Gezeigte Künstler VIERTER AKT:

Hannah Schneider, Köln
Denise Winter, Köln

Eröffnung: 08. Dezember 2016, 19 Uhr
Dauer: 08. - 18. Dezember 2016

Ort: Kirchstraße 41, 40227 Düsseldorf
Samstag + Sonntag, 15-18 Uhr

       

Über die Ausstellung.
Von Wolfgang Waldmann.

Eine Herausforderung ist es immer. Diese ist es ganz besonders. Ähnlich
war es 1967 auf der Neubrückstr. 12 in Düsseldorf. Das war in der Galerie
Konrad und Dorothee Fischer. Damals auch nicht viel geräumiger als ein
vergrößerter Schuhkarton. Der hat dann Kunstgeschichte geschrieben.

Heute auf der Kirchstr. 41 in Düsseldorf. Auch hier ein Raum, so tief wie
hoch, so schmal wie eine Garage. In seiner Schmucklosigkeit und lieblosen
Dürftigkeit muss er auf die beiden ausstellenden Künstlerinnen ganz und
gar nicht einladend gewirkt haben. Sie haben die Herausforderung
angenommen.

Schon mit knapp über zehn Besuchern ist der Raum gefüllt, deshalb
tummelt es sich vor und hinter dem Eingang. Aber die beharrliche
männliche Stimme kommt von oben, rhythmisch im Vortrag und zuweilen
zerrissen in der Syntax. Von innen wie ein Antworttext eine weibliche
Stimme. Kein Gespräch, eher ein gegenseitiges Abtasten, im Loop. Eine
Stimmeninstallation von Denis Winter. Außen und Innen. Der
architektonisch äußerst begrenzte Raum kann dem akustischen Raum
keine Grenzen setzen. Am Angelpunkt zwischen Außen und Innen gibt der
Stimmen-Ton dem optisch unbedeutenden Eingang eine Gewichtung:
Unwillkürlich verharre ich und lasse mich ein. Im doppelten Sinne.

Einlassung ist gefordert.

Denn hineinstürmen würde heißen, mit wenigen Schritten schon am Ende
des Raums angelangt zu sein, darauf achtend, nicht über die am Boden sich
hinziehende Installation von Hannah Schneider zu stolpern. Dann wäre der
Raum nicht mehr als nur drei kahle, ehemals weiße Wände, ein
ungewöhnlich langer Heizkörper, noch nicht abgeschlagene Küchenfliesen,
Steckdosen, vorspringende Wandteile. Der Raum wäre in seiner
Belanglosigkeit im besten Falle abweisend.
Einlassung also ist gefordert. Langsame Annäherung. Zögerndes Gehen.
Schräg am Boden liegende Spiegelelemente lenken den Blick in scheinbar
geheimnisvolle Tiefen-Räume, die doch nur – man weiß es ja – die kahlen
Wände spiegeln, die Kannten und Ecken. Und doch – durch die eigene
Bewegung in Gang gesetzt – entstehen Ansichten und Einsichten, die ein
eigenes Leben zu entwickeln scheinen. Hannah Schneider hat eine Art
Spiegel-Parcours angelegt, mit und gegen die Raumrichtung. Zudem
wechselt die Neigung der Spiegel. Der Wahrnehmungs-Raum verändert sich
und mit ihm der Ausstellungs-Raum. Herausforderung? Die Künstlerin
schlägt zurück: sie entreißt ihm die hohen kalten Decken-Neon-LichtRöhren
und schmiegt sie wie spielerisch an den Spiegelweg, auf den
dunklen Steinboden. Diesem gibt das Licht nun eine eigene schimmernde
Tiefe.

Dieser auf den ersten Blick so kahle und nichtssagende Raum ist
unmerklich zu einem geheimnisvollen Seh- und Hör-Raum geworden. Die
Ausstellungsbesucher sind längst Teil dieser Spiegelungen und
Verwandlungen, ihre Stimmen scheinen Teil der Toninstallation geworden
zu sein.

Als reiche dies aber noch nicht, fügt Hannah Schneider ein Entscheidendes
hinzu: Dem Eingang gegenüber, an das andere Ende dieses Licht-SpiegelRaums
stellt sie eine schwarze Spiegelfläche. In ihr findet dieser Raum
seinen Gegen-Raum. Alles ist da, doch hinein in eine dunkle Tiefe getaucht,
wie ohnmächtig matt und doch machtvoll.

Es spricht für das Konzept der beiden Künstlerinnen, dass sich die
Wirkungen ihrer Arbeiten nicht im ersten Betrachten und Hören
erschöpfen. Vielmehr erlebe ich den umgekehrten Effekt: Je länger ich mich
einlasse, desto sprechender ist dieser kleine Ausstellungsraum.

Sprechend auch in einem konkreten Sinn: Denise Winter hat eine ihrer
poetischen Arbeiten aufgeschrieben und schlicht gerahmt. Dieses ‚Text-Bild’
– die einzige Wandarbeit in der Ausstellung – zielt auf Lesbarkeit und
verweigert sich ihr doch. Es entstehen auch hier Teil-Einsichten, die ihr
Ganzes erst der je unterschiedlichen Wahrnehmung abringen.

Das zu meinen Wahrnehmungen der Reflektionen. Sie drängen zu
Reflexionen.

Hannah Schneider setzt die Spiegelelemente nicht zum ersten Mal ein. Es
spricht für die Stärke des Konzepts, dass ihr die Umsetzung auch hier in
verblüffender Frische gelingt. Denn hier, ohne die bislang großartigen
Raum-Kontexte wie in Siegburg oder Füssen, wo durch die am Boden
hingeneigten Spiegel ein wundersames Vervielfältigungs-Puzzle entstehen
konnte, hier also geschieht etwas ganz anderes: Die scheinbare
Rückverwandlung des dreidimensionalen Raums in ein scheinbar
zweidimensionales Boden-Bild. Und erst in diesem Bild, das immer wieder
ein neues Bild ist, gewinnt Hannah Schneider dem an sich langweiligen
Raum Vielgestaltigkeit ab.

Und sie ermöglicht – quasi en passant und unvermutet – einen ErkenntnisEffekt:
Der in seinen einfältigen Formen überschaubare (Ausstellungs-)
Raum, also das scheinbar Bekannte, erscheint nun als ein Fremdes.

So verstanden liest sich das gerahmte Poem von Denise Winter ebenso wie
eine Metamorphose: In der Auflösung der vertrauten Lexik werden
Spielräume für Verwandlungen eröffnet